Kim Kalicki (rechts) mit Anschieberin Talea Prepens in Lillehammer (Foto: BSD/Viesturs Lacis)
Kim Kalicki (rechts) mit Anschieberin Talea Prepens in Lillehammer (Foto: BSD/Viesturs Lacis)

Der große Traum von einer Medaille bleibt für Kim Kalicki unerfüllt. Gewonnen hat unsere Top-Athletin etwas, das noch wichtiger ist.

Machen wir uns nichts vor. Auch zwei Tage, nachdem das Feuer der Olympischen Winterspiele erloschen ist, denken die Eintrachtler, die am Samstag vor den Bildschirmen oder sogar live vor Ort mitfieberten, bei aller Freude über die beiden deutschen Medaillen schmerzhaft an die Läufe beim Zweierbob der Damen in Cortina. Dort, wo sich Kims persönlicher Traum erfüllen sollte. Und der unseres Vereins. Die erste Medaille in der bald 180 Jahre langen Geschichte der Eintracht – die wollte unsere Bob-Pilotin mit nach Wiesbaden bringen. Und spätestens nach ihrem vierten Platz vor vier Jahren in Peking war die „Road to Olympia“ ein Projekt, für das sich viele engagierten. Wer, wenn nicht Kim, die in ihrer sportlichen Karriere immer wieder Widerstände gemeistert und – wie eine Rocky Balboa des Bobsports – immer wieder in die Spur zurückgefunden hatte, sollte es verdienen – und schaffen?

Anders als in Peking standen die Vorzeichen für Kim in dieser Saison von Beginn an unter keinem guten Stern. Eine schwere Lungenentzündung, körperliche Herausforderungen, persönliche Verluste – dass sie überhaupt die Road to Olympia bis zu Ende gehen konnte, war lange Zeit fraglich. Doch Kim kam zurück, zeigte starke Nerven und immer bessere Leistungen – stets mit dem Ziel im Blick, in Cortina fit zu sein, gemeinsam mit ihrer Anschieberin (bei der ihre Wahl nach dem Rennen in Winterberg auf Talea Prepens fiel).

Die Leistungen, die das Duo im Eiskanal zeigte, waren äußerst sehenswert. Das Gros des Feldes ließen die beiden souverän hinter sich. Dass ihre Langzeitrivalin Laura Nolte gemeinsam mit ihrer Anschieberin Deborah Levi in dieser Saison nicht einzuholen sein würde, war wahrscheinlich. Aber auch Lisa Buckwitz, die Kim vor vier Jahren noch angeschoben hatte, zeigte mit ihrer Anschieberin eine nahezu fehlerlose Fahrt. Zudem gab die Grand Dame des Bobsports, die US-Amerikanerin Kaillie Armbruster Humphries, auf ihrer letzten Fahrt noch einmal alles. So reichte es am Ende „nur“ für den Spitzenplatz unter den Medaillenverfolgern.

Dass Kim das – anders als vor vier Jahren – nicht mehr anficht, zeigte sie im Anschluss. Ärgerlich, sagte sie dem eigenen Verband, klar, das sei es schon. Aber am Boden zerstört – das sei sie dieses Mal nicht mehr. „Wir haben einen sehr, sehr guten Job gemacht.“ Sie sei auf der letzten Fahrt noch einmal voll ins Risiko gegangen; zu viele kleine Fehler seien die Folge gewesen. „Aber ja, grundsätzlich kann man mit dem vierten Platz bei Olympischen Spielen zufrieden sein.“ Sie sei froh, nach den vergangenen neun Monaten überhaupt dort zu stehen, wo sie sich nun befinde. Später, auf Instagram, wurde sie noch nachdenklicher. Aus ihren Posts war zu erkennen, dass sie in den vergangenen Monaten über ihre Kräfte gegangen war. Erholung – das war ihnen zu entnehmen – sei nun das Wichtigste, das sie sich nehmen müsse.

Manchmal sind es die Kurven im Leben, die einen am weitesten bringen. Und dass Kim sie auch außerhalb des Eiskanals beherrschen kann, das hat sie in Cortina eindrucksvoll bewiesen.

Vielleicht, wenn es sich gut für sie anfühlt, schiebt sie den Abschied, den sie nach den Olympischen Spielen nehmen wollte, noch eine Saison hinaus. Wir würden es ihr wünschen. Und uns.